Was gibt es heute? Meloni – oder: Das Engel-Gericht

Ganz Italien scheint erleichtert zu sein, dass der Vatikan einschritt, um ein Engelgesicht zu korrigieren, das Pilgerscharen in Bewegung setzte, die in der Basilika an der römischen Piazza di San Lorenzo in Lucina das Feiern von Gottesdiensten störten. Ein menschliches Gesicht ist weit mehr als nur ein x-beliebiger Körperteil; es ist ein zentraler Träger persönlicher Identität. Zur Schärfung dieses Profils werden Gesichtskorrekturen vorgenommen, zu seinem Schutz alle möglichen Vorkehrungen getroffen, aber bei Gesichtsverlust droht Identitätsverlust. Und bei Gesichtsgewinn?

Doch wie ist es bei den Engeln? Haben sie überhaupt ein Gesicht? Antwort: Es kommt auf die Engel an. Biblische Visionäre konnten die Cheruben mit ihren vier Gesichtern etwa von den Seraphim unterscheiden, die ihr Angesicht nicht ansehen lassen. Als Geistwesen haben Engel ja keinen Körper, also auch kein Gesicht, könnte man meinen. Doch können wir uns nicht Nichts vorstellen. Also ließ man sich im Verlauf der Kunstgeschichte einfallen, sie zumindest geschlechtslos darzustellen, weder mit männlichem, noch mit weiblichem Gesicht. Bei diesem Bemühen, Engel dem Zwang zur Heteronormativität zu entziehen, um ihre übermenschliche Natur zum Ausdruck zu bringen, ließ man sich freilich auch von dem neutestamentlichen Wissen leiten, dass der (christliche) Himmel asexuell ist: Dort heiratet man nicht, soll Jesus gesagt haben (vgl. Matthäusevangelium 22,30). Ein Engel mit irdischem Meloni-Gesicht geht also gar nicht. Zwar ist Giorgia unverheiratet, das würde also immerhin passen, und sie ist römisch-katholisch. Als Frau hat sie 2012 die Partei „Fratelli d’Italia (Brüder Italiens)“ gegründet. Obwohl Frau, nennt sie sich männlich „Il presidente (Der Präsident)“. Aber sie hat eine uneheliche Tochter von einem Lebenspartner, von dem sie sich 2023 trennte. Das passt dann doch nicht ins irdisch-katholische Ehekonzept. Es gibt also mehrere Gründe, das Meloni-Engel-Gesicht abzulehnen und zu übermalen, zumal Giorgia gesagt haben soll: „Wie ein Engel sehe ich ganz bestimmt nicht aus“. Wieso weiß sie denn so was?

Der tieferliegende Grund für die Tilgung des Meloni-Engel-Gesichts ist freilich ein anderer. Es sind die römisch-katholischen Priester nämlich, die beanspruchen, als Engel bezeichnet zu werden. Denn sie sind es, die wie die himmlischen Boten von oben von unten die göttliche Botschaft bringen und übersetzen, und nicht die Chefin einer italienischen Regierung – eines Staates, der antiklerikale Wurzeln hat. Laien können diese Botschaft ohnehin nicht richtig rüberbringen, wenn sie sich dies auf deutschen Synodalen Wegen und Konferenzen immer noch erträumen. Der nach dem Konzil von Trient 1566 herausgegebene Catechismus Romanus hat die römisch-katholischen Priester, so heißt es dort, „mit Recht nicht nur Engel, sondern auch Götter genannt“. Und tatsächlich wurde innerhalb des Diskurses über das katholische Priesterbild bis in die 1950er Jahre hinein auch ein Engeldiskurs darüber geführt, ob die Priester eher Menschen oder eher Engel seien, da doch beide als „Dolmetscher und Botschafter Gottes“ fungieren, die „in seinem Namen die Menschen das göttliche Gesetz und die Lebensvorschriften lehren, und selbst die Person Gottes auf Erden vertreten“, so nochmals der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in der römisch-katholischen Kirche gültige Römische Katechismus. 1935 betonte Papst Pius XI. sogar, dass das Amt der priesterlichen „Mittler zwischen Gott und den Menschen“ selbst jenes der Engel überrage, da diese ja – anders als der Priester – keine Macht hätten, Sünden zu vergeben. So könne der Priester auch als „Organ des Seelsorgers Jesus Christus“ bezeichnet werden, als dessen fortwährender mystischer Organismus das päpstliche Oberhaupt – Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Mystici corporis“ (1943) – die Kirche selbst definiert.

Der Priester „wandle […] nicht die gewöhnlichen und allgemeinen Menschenwege, sondern mit den Engeln im Himmel oder mit vollkommenen Männern auf Erden“, zitiert dann auch dieser Papst ein klassisches geistliches Erbauungsbuch (‚De imitatione Christi‘ von Thomas von Kempen) aus dem 15. Jahrhundert. Priester seien verpflichtet, ein Leben wie die Engel zu führen, so schon sein Vorgänger, Pius XI., also sich nicht am reproduktiven Geschäft zwischen den Geschlechtern zu beteiligen. Weniger die sakramentale Weihe, so hat es den Anschein, sondern die sexuelle Enthaltsamkeit, galt als das entscheidende Vehikel im Lebenswandel des Priesters, ihn sowohl in die Nähe der Mitglieder der himmlischen Welt (‚Engel‘) als auch der Anerkennung der irdischen Kirche (‚Gläubige‘) zu bringen. 1908 appellierte Papst Pius X., diesen Spagat zu vollziehen, mit den folgenden Worten:

„Haltet also die Keuschheit, diese auserlesene Zierde unseres Standes, hoch in Ehren und bewahrt sie zeitlebens unversehrt! Ihr Glanz macht den Priester den Engeln ähnlich, sichert ihm die Hochachtung der Gläubigen und verleiht seinem Wirken übernatürliche Segenskraft.“

Es gibt also eine Korrespondenz zwischen verschiedenen priesterlichen Körperteilen, die missbraucht wurden, mit der Folge des Gesichtsverlusts. Aber wer kann dann noch glaubhaft „Organ des Seelsorgers Jesus Christus“ sein?