Was gibt es heute? Habermas – oder: Ein Marktgericht
Die Deutschen seien „ein heiratslustiges Volk“, so konstatierte der jüngst verstorbene Jürgen Habermas vor etwa 70 Jahren im Oktoberheft der Zeitschrift Merkur von 1956. Er erschloss dieses Urteil über eine sehr genaue Analyse des damaligen Heiratsmarktes, wie er sich in Zeitungen und Zeitschriften darstellte. Habermas selbst war da schon ein Jahr mit Ute Wesselhoeft verheiratet, bis deren Tod sie 2025 schied. Zunächst fiel dem damals 27-Jährigen „nicht ohne Überwindung“ auf, dass auf dem medialen Heiratsmarkt „dem Leser gleich neben der Akademikerwitwe und dem Fabrikantensohn ein Boxerwelpe und ein Zwergbologneser, gleich neben dem flotten 60er und der gut aussehenden Dame mit Abitur ein neuwertiger Mercedes 180 D und ein VW-Kleinbus in Luxusausführung angeboten“ werde. So konstatierte er, „daß auch ein Heiratsmarkt Markt ist“, auf dem Menschen „ihre Person und ihre Lebensgeschichte in verkaufsfertiger Abkürzung zurichten und dem öffentlichen Spiel von Angebot und Nachfrage feilbieten“. Die ansonsten „unverwechselbare Person“ verhülle sich dafür in Klischees, wobei ihm damals unter anderem auffiel, dass man zwar mit Reiten und Tennis, aber nicht mit Fußball Sehnsüchte wecken oder seinen Wert steigern konnte: „Fußball gilt nicht als gesellschaftsfähig“. Allerdings beobachtet er die wachsende „Selbstinterpretation nach dem angelsächsischen Hobbymuster“, das „mit der prätentiösen Fracht eines tausendjährigen hochindividualistischen Liebesideals“ gekreuzt werde. Markt und Liebesideal – das sei ein Widerspruch. Mit vielen konkreten Beispielen gespickt – eine Anschaulichkeit, die dem späteren Habermas manchmal abhanden zu kommen drohte – kommt Habermas zu drei Typen von Heiratsannoncen: 1. Die „martkkonformen“ Anzeigen („Inhaberin eines Kaufhauses, soundsoviel Umsatz, bietet tüchtigem Kaufmann Einheirat, Kapital zwecks Vergrößerung des Betriebes erwünscht“, 2. die „marktfremden“ Anzeigen („nach ihrer Mitgift frage ich nicht, wenn nur unsere Herzen zueinander sprechen“) und schließlich 3. die Kombination beider Kontrasttypen. Dabei könne die wachsende Betonung von Leistungswerten „gleichzeitig als Waren- und als Charakterindex funktionieren.“
An der Analyse von Heiratsanzeigen in den damaligen Magazinen wurde freilich schon früh Habermas‘ Interesse an einem Forschungsobjekt deutlich, das in seine spätere Habilitationsschrift zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ mündete. In der kleinen Studie über die „Illusionen auf dem Heiratsmarkt“ prägte er den Begriff der „intimen Öffentlichkeit“; denn „die meisten Magazine befreien den Leser planmäßig von der Hemmung, auch intime Anliegen zu veröffentlichen, indem sie ihm das Gefühl für ‚Öffentlichkeit‘ nehmen. Sie suggerieren ihm, daß die Zeitung selbst ein intimer Ort ist.“ Für Habermas ist dies ein Fall von „Realitätsverschiebung“: „ein Marktplatz wird als Sprechzimmer illuminiert, die Öffentlichkeit ist Bestandteil der Intimsphäre geworden“. Man agiere dann „wie Filmschauspieler vor der Kamera“, vergesse aber „die Kamera so gut wie alle, die sich den Film ansehen.“
An dieser anschaulichen Analyse eines entstehenden und sich wandelnden medialen Heiratsmarkts wird das deutlich, was die Kritische Theorie und Empirie der Frankfurter Schule auszeichnet, nämlich Fragloses und Selbstverständliches in den Zusammenhang des gesellschaftlichen Wandels zu bringen und damit aufzuklären. „Kritikwürdig“, so Habermas, „ist nicht der, der auf den Heiratsmarkt angewiesen ist, sondern eine Gesellschaft, die eine solche Institution nötig macht.“ Habermas hat ein kritikwürdiges Werk hinterlassen, das über seinen Tod hinaus kritisches Urteilen anzuregen vermag.