Was gibt es heute? Taleghani – oder: Das Rinser-Gericht 1
Am 1. Februar 1979 kam Khomeini nach Teheran zurück, am 11. Februar wurde der Schah gestürzt. Am 2. April erklärte Khomeini den Iranern „den heutigen Tag […] zum 1. Tag der Regierung Allahs“. Dies war ein Tag nach dem Referendum (für oder) gegen die Rückkehr des geflüchteten Schahs. Kurz darauf, im März und April 1979, machte die damals 68-jährige deutsche Schriftstellerin Luise Rinser eine Reise in den Iran und schrieb als Augenzeugin der sog. Islamischen Revolution ein Buch darüber. Heute kennt es kaum mehr jemand: „Khomeini und der islamische Gottesstaat. Eine große Idee – ein großer Irrtum?“, im gleichen Jahr im Verlag R.S. Schulz erschienen. So lange der Iran-Krieg Israels und der USA anhält, möchte ich etappenweise dieses Buch unmittelbarer Zeitgenossenschaft in Erinnerung bringen. Denn es enthält aus meiner Sicht Relevantes zum Verstehen der heutigen Situation im Iran.
Gleich im Vorwort und im 1. Kapitel gibt die Beobachterin ihre „Ersten Eindrücke und Signale“ zum Besten und weist darauf hin, dass Khomeini „mit Hilfe der iranischen Linken“ den „Schah-Terror“ beendete, der sich nicht zuletzt auf den Geheimdienst Savak (und die USA mit 50.000 Beratern im Land) gestützt hatte: „Jetzt sind die iranischen Gefängnisse alle schon wieder voll“, schreibt sie: „die Einsperrer von vorher sind Eingesperrte: die Savak-Führer, die Generäle der Schah-Armee. Einer der grausamsten Männer ist inzwischen hingerichtet worden: der Savak-Chef Nassiri“.
Auf den folgenden Seiten zeichnen sich weitere Blutspuren der Geschichte Irans ab, und es werden bereits einige der politischen und ethnischen Minderheiten in diesem Vielvölkerstaat thematisiert. Die gab und gibt es dort und unter Exiliranern noch heute: Kurden, „erst vor kurzem von einer Armee-Einheit Khomeinis überfallen“ mit „Hunderten von Toten“; Turkmenen, die – wie die Kurden – nicht an jenem Referendum des 1. April 1979 teilnahmen und sich auch nicht zum schiitischen Islam bekennen. Auch die kommunistischen Fedajin, die am Sturz des Schahs beteiligt waren, seien dem Referendum geschlossen ferngeblieben, nachdem der Antikommunismus Khomeinis immer deutlicher geworden sei. Die kommunistische Tudeh-Partei dagegen unterstützte Khomeini aus taktischen Gründen (wurde aber 1983 zerschlagen und hat heute ihren Exil-Sitz in Berlin).
Schon in diesem ersten Kapitel macht Luise Rinser also deutlich, dass die iranische Bevölkerung aus vielfältigen – und gegensätzlichen – Kulturen zusammengesetzt war (und bis heute ist). Und noch etwas macht sie klar, was heute selten thematisiert wird: Dass der iranische Klerus gespalten ist und unter Khomeini bereits seine Opfer gefunden hat. Namentlich nennt sie ihren damals „besten Mann“, den Ayatollah Mahmud Taleghani, den Gegenspieler Ayatollah Khomeinis. Er sei „der Progressist, der große Vernünftige, der Menschliche, eine der Hoffnungen des Iran“. Schon damals „redete man von Spannungen innerhalb des Klerus, vor allem zwischen Khomeini und Taleghani, dem zweitwichtigsten Ayatollah“. Als Gegner des Schahs wurde letzterer mehrfach inhaftiert, saß – mit Unterbrechungen – 14 Jahre im Gefängnis des Schahs. Dort wurde er „auf niederträchtigste Weise gefoltert: vor seinen Augen vergewaltigte man seine Frau und eine seiner Töchter, und ihm selbst stieß man eine lange Nadel durch den Penis bis zur Blase“. Auf Taleghani habe sich nach seiner Freilasssung Ende 1978 „eine starke Hoffnung“ gerichtet, nicht zuletzt von Minderheiten, besonders der Kurden, und von Frauen, deren Verschleierung er – im Gegensatz zu den islamistischen Hardlinern – nur als Empfehlung, nicht als Pflicht definierte: „Keine Frau dürfe belästigt werden, wenn sie den Chador nicht trage, vielmehr sollen jene bestraft werden, die sie belästigen.“ Noch in ihrem Buch von 1979 schreibt Luise Rinser: „Die Spannung zwischen den beiden Männern, im Rang fast gleich und auch gleichermaßen angesehen im Volk, ist, so scheint es, eine Hoffnung für den Iran: Khomeini wird nicht unbeschränkter Souverän sein, besonders wenn Taleghani immer mehr Anhänger bekommt. Die iranischen Frauen werden dabei eine Rolle spielen. Nicht Khomeini sollte der Stifter eines neuen Gottesstaates sein, sondern der freiheitliche humane Taleghani.“
Der finale Kampf der beiden Ayatollahs endete allerdings mit dem Sieg Khomeinis, der seinen Widersacher knapp 10 Jahre überleben sollte. Als Khomeini diesem zu verstehen gab, so noch Luise Rinser, „daß er aufhören solle, sich für die nationalen Minderheiten so vehement zu engagieren, habe Taleghani gesagt, daß er, wenn er nicht mehr frei seine Meinung sagen dürfe, schweigen werde.“ Dass er schon am 10. September 1979 verstarb, konnte Rinser bei der Fahnenkorrektur ihres Buches noch nicht wissen. Aber waren ihre Hoffnungen auf einen ‚freiheitlichen humanen Gottesstaat‘ nicht schon damals pervers? Während die Erinnerung an die Brutalität des Schahregimes zu verblassen scheint, halten viele Parks und Straßen mit dem Namen Taleghanis im Iran bis heute die kollektive Erinnerung an diesen wach. Wir werden sehen, ob auch sie verblassen oder gar im Bombardement vernichtet werden.