Was gibt es heute? Verkehrte Welt – oder: Das Donald-Gericht
Viele wollen heutzutage angeblich die Welt verändern, nur nicht ihre eigene. In der Frage, was ein ‚Weltveränderer‘ überhaupt ist, kommt Andreas Dorschel 2023 im Juliheft der Zeitschrift Merkur zu einer interessanten Unterscheidung, indem er ihn gegen den Typ des Kriminellen profiliert: „Weltveränderer, genauer: Menschen, die sich als solche verstehen, handeln anders als Kriminelle. Verbrecher führen aus, wovon brave Bürger nur träumen. Diebe, deren Täterschaft unentdeckt bleibt, wollen das Gestohlene von der Gesellschaft jeweils als ihr persönliches Hab und Gut betrachtet wissen; sie setzen das Institut privaten Eigentums als intakt voraus. Weltveränderer, jedenfalls solche eines bestimmten Schlags, wollen das Institut des Privateigentums beseitigen. Jene handeln innerhalb der gegebenen Alternative – hier: Haben oder Nichthaben –, diese greifen die Alternative selber an.“ Und Dorschel ergänzt: „Die Welt zu ändern versuchen wird, wer die Fähigkeit – und das Unglück – hat, die verkehrte Welt, die den anderen normal vorkommt, als verkehrt zu sehen“.
Ist der amerikanische Präsident, der in den Feuilletons derzeit mit Nero, Caligula und Augustus verglichen wird, nun als Abweichler oder als Weltveränderer zu typisieren? Dorschel schreibt: Die sich abweichend Verhaltenden seien in der Gesellschaft als Kontrast zu den sich traditionell bzw. konform Verhaltenden bereits vorgesehen „und vor ihrem Auftreten jeweils schon haarklein klassifiziert: als Verrückte im Lehrbuch der Psychiatrie, als Verbrecher im Strafgesetzbuch […] Dem Verändern der Welt hingegen kann kein Gesetzbuch eine Sanktion zuordnen. Weltveränderer sind das in der Gesellschaft Nichtvorgesehene“. Ohne Zweifel ist Trump ein Nichtvorgesehener, der sich gerade deshalb als Gesandter einer göttlichen Vorsehung glaubt. Er will zwar nicht das Institut des Privateigentums abschaffen, ganz im Gegenteil. Er stellt aber die NATO und sonstige Verträge und – viel grundlegender – das Institut der kollektiven Moral in Frage, von dem das Institut des Privateigentums und alle Verträge dieser Welt leben. Es geht um das Nicht-Kontraktuelle des Kontrakts. Journalisten einer Zeitung stellten Trump die Frage, ob es Einschränkungen für seine weltweite Macht gebe. Da gebe nur eine Sache, soll Mr. President geantwortet haben: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann“. Politik wie Privateigentum leben, um Wolfgang Böckenförde zu variieren, von Voraussetzungen, die sie selbst nicht geschaffen haben und schaffen können. Und das ist die moralische Basis einer Gesellschaft, die nicht in Gesetze gegossen sein muss, sich aber zum Beispiel schon in Kinderbüchern finden lässt. Moral ist zugleich die „Supermacht der demokratischen Gesellschaft“, d.h. die letztlich „bestimmende gesellschaftliche Macht“, wie sie der 2007 verstorbene Karl Otto Hondrich (in „Enthüllung und Entrüstung“) vielfach beschrieben hat.
Ist Trump nur ein Weltveränderer? Offensichtlich lässt es sich auch als ein Abweichler typisieren. Für ihn gibt es noch andere Klassifikationen als die in den oben genannten Lehrbüchern. Mit präsidialer Macht und Gewalt lässt er Menschen kidnappen, ja töten, braven Bürgern ihr Greenland ausplündern, kündigt dies zumindest an. Im Unterschied zur Praxis des üblichen Diebs und Räubers allerdings: keinesfalls verhüllt und unentdeckt. Immer deutlicher enthüllt sich über der Superpraxis der atomaren und maritimen politischen Supermacht ein doppeltes Gesicht: das des moralisch abweichenden Weltveränderers auf den Weltmeeren und in der Weltwirtschaft. Politische Supermacht steht gegen moralische Supermacht.
Diese Mischung und Reichweite ist kaum zu unterschätzen. Sie passt nicht in unser bisheriges Erfahrungsschema. Der frühere katholische Dekan von Konstanz, Matthias Trennert-Helwig, schreibt in einem Leserbrief an die FAZ (15.01.2026, Seite 18): Trumps „Namensvetter Donald Duck zeigt zwar auch Wutanfälle, kümmert sich aber liebevoll um seine Neffen und lebt bescheiden, wie sein Kleinwagen ‚313‘ beweist. Nero besaß immerhin eine dilettantische poetische Ader. Hitler war zwar ebenfalls größenwahnsinnig und abstinent, konnte sich aber ‚staatsmännisch‘ gerieren […] Napoleon als Weltenherrscher kämpfte immerhin selbst inmitten seiner Armee […]. Man bleibt ratlos: Trump ist ganz neu, really!“. Wirklich? Mein Vorschlag (s. oben): Er ist ein demokratisch gewählter, also legitimierter, militärisch überlegener, aber moralisch illegitimer, weil abweichender Weltveränderer.